Frauenzimmer

 

Anlässlich des Frauentages am 8. März treffen sich Zontians des ZC Wismar und Gäste seit einigen Jahren zu und in einem „Frauenzimmer“.

 

Umrahmt von schöner Musik und bei einem Glas Wein werden Lieblingsautorinnen vorgestellt und es gibt Leseproben aus deren Büchern.  Das kann in diesem Jahr coronabedingt leider nicht stattfinden.

 

So wollen wir Sie an diesem Ort an einigen Büchern teilhaben lassen und Sie neugierig machen. Lassen Sie sich inspirieren.

 


 

Wenn nicht ich, wer dann?

Große Reden großer Frauen

Buch von Anna Russell

 

Lese-Empfehlung von Susanne Baars

 

Anna Russell hat für ihr Buch brillante und eindrucksvolle Reden von starken Frauen gesammelt und ausgewählt. 50 Frauen aus Politik, Wissenschaft, Schauspiel und Literatur mit Ausschnitten ihrer wichtigsten Rede werden im Buch porträtiert.

 

Die spannende Sammlung ist Zeitzeugnis und Mutmacher zugleich. Viele Reden haben an Aktualität bis heute nichts verloren. Doch zeigen die Reden auch gleichzeitig das Erreichte und machen Mut und geben Zuversicht für das noch Kommende.


 

Anna Siemens und Hertha Siemens

Biographie von Béatrice Busjan und Yvonne Groß

 

Leseempfehlung von Béatrice Busjan

 

Erlebnisse fiktiver Frauen aus wohlhabendem Hause um 1900 sind auf dem Buchmarkt derzeit hoch im Kurs. Dabei sind doch die Biographien realer Frauen dieser Zeit oft vielschichtiger und facettenreicher als die ihrer fiktiven Kolleginnen.

 

Anna Siemens (1858-1939) und Hertha Siemens (1870-1939) waren zwei Töchter des Unternehmers Werner von Siemens. Ihre Biographien werden hier erstmals erzählt.
Die Schwestern erweisen sich im Laufe ihres Lebens als lebenskluge, humorvolle und engagierte Frauen, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit auch dazu nutzen, eigene und unkonventionelle Wege zu gehen. Sie engagieren sich für die Bildungschancen von Frauen und Mädchen, verwirklichen Siedlungsprojekte als probates Mittel gegen Wohnungsarmut und Bodenspekulation, bewegen sich ganz selbstverständlich in der Welt von Nobelpreisträgern und Künstlern. Natürlich sind auch sie nicht gefeit gegen persönliche Verluste und Tiefschläge.

 

Ich habe die Biographien von Anna und Hertha Siemens im Auftrag der Werner Siemens-Stiftung erzählt. Aus Briefen der beiden Schwestern, die seit ihrer Entstehung niemand mehr gelesen hatte, konnte ich eine Menge Originaltöne gewinnen, die dem Buch viel Farbe und Unmittelbarkeit geben.


 

Das achte Leben (Für Brilka)

Roman von Nino Haratischwili

 

Lese-Empfehlung von Antje Exner

 

Das Buch ist ein echter „Backstein“ von 1280 Seiten. Das sollte Euch nicht abschrecken, sondern Vorfreude bewirken: ihr habt auch eine Weile was davon!

 

Das achte Leben nimmt Euch mit auf einen langen Weg. Über sechs Generationen hinweg wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi erzählt.

Den Auftakt bildet die Geburt Sasias, Tochter eines georgischen Schokoladenfabrikanten. Die unterschiedlichen Schicksale der Familienmitglieder werden auf dem Hintergrund der georgischen Geschichte durch Revolutionen, Kriege und stalinistische Säuberungen erzählt.

 

Es wird trotz der epischen Länge nie langweilig. Außerdem wird die Geschichte hauptsächlich aus Sicht der Frauen der Familie erzählt. Und es gibt am Ende wieder ein Fünkchen Hoffnung, dass sich die sich über Generationen weiter vererbten Traumata von Gewalt und Erniedrigung doch eines Tages überwinden lassen. 

 


 

Das Haus der Frauen

Roman von Laetitia Colombani 

 

Leseempfehlung von Sabine Bäcker

 

Ich war sehr gespannt auf das zweite Buch von Laetitia Colombani. In ihrem ersten Roman „Der Zopf“ erzählt sie die bewegenden Geschichten von drei Frauen aus drei Ländern - Indien, Italien und Kanada, die sich wie ein Zopf miteinander verflechten. Nun, in ihrem zweiten Buch „Das Haus der Frauen“ werden auf zwei Zeitebenen die Geschichten vieler Frauen miteinander verwoben.

 

Zwei Hauptakteurinnen gibt es, Blanche Peyron und Solené. Das Haus der Frauen steht in Paris und ist eigentlich ein Palast mit über 700 Zimmern. Er entstand vor 100 Jahren als Zufluchtsort für obdachlose, geschundene und missbrauchte Frauen und Mütter mit ihren Kindern. Das ist wirklich eine sehr beeindruckende Geschichte einer fast vergessenen Heldin: der Französin Blanche Peyron. Sie lebte von 1867-1933 und war Heilsarmee-Offizierin. Blanche Peyron ließ sich von der Not der Frauen anrühren und hat in einem unermüdlichen Kampf ihre Vision von einem Zufluchtsort, dem Frauenhaus „Palais de la Femme“, verwirklicht. Eine echt bewegende Geschichte ist das und für mich ist es die erste Begegnung mit Blanche Peyron.

 

Solené lebt im heutigen Paris. Sie ist Rechtsanwältin und kann nach dem Suizid eines Mandanten nicht mehr arbeiten. Sie wird depressiv und zieht sich aus der Welt zurück. Ganz langsam kommt sie aus ihrem „Schneckenhaus“ wieder ins Leben und wird im Haus der Frauen ehrenamtliche Briefeschreiberin. Es ist sehr spannend, wie sich Solené dieser ungewöhnlichen Aufgabe stellt, welche Irritationen sie in dieser Rolle aushalten muss in der großen Gemeinschaft von 700 Frauen und wie sich ihre Sensibilität für die Frauen entfaltet. Und, es entfaltet sich auch ihre Neugierde für Blanche Peyron. So verknüpfen sich die Geschichten dieser beiden mutigen, solidarischen Frauen.

 

Ich wünsche viel Vergnügen mit dem „Haus der Frauen“ und lasst immer mal wieder euren  Blick über das Cover schweifen. Es ist wie beim ersten Roman von Laetitia Colombani mit den zart rankenden Blüten im goldenen Rahmen ein echter Hingucker, dieses Mal in Pink.

 


 

Die Unschärfe der Welt

Roman von Iris Wolff

 

Lese-Empfehlung von Antje Exner

 

Auf sehr konzentrierte Weise wird auch hier eine Familiengeschichte erzählt. Schauplatz ist Siebenbürgen und das Banat in Rumänien. In sieben Kapiteln blicken verschiedene Menschen auf die sie verbindende Geschichte. Jede Generation kommt zu Wort. Jede blickt zurück und auch in die Zukunft. Gemeinsamer (Erinnerungs-) Raum sind Siebenbürgen und das Banat, Landstriche, in denen mehr Schafe als Menschen leben.

 

Es ist ein unaufgeregtes und stilles Buch. Verwerfungen, Gefahr und Gewalt gibt es auch hier. Sie werden ernst erzählt, aber nicht als Sensationen beschrieben. Sie gehören dazu, wie sie eben dazu gehören in einem Land, in dem es die Sicuritate gibt.

 

Auf eine einfühlsame Art kommt man dem Landstrich näher, erinnert sich an eigene Reisen, erkennt die ernste Aufrichtigkeit wieder, in der die Menschen dort lebten. Aber auch wer noch nie dort war, wird sich beeindrucken lassen.

 


 

Frauen bewegen die Welt

Lebensbilder von Iris Berben und Nicole Maibaum

 

Leseempfehlung von Nicole Hollatz

 

Iris Berben und Nicole Maibaum haben zusammen ein starkes Buch geschrieben über eben diese starken Frauen, die jede für sich und alle gemeinsam etwas auf unserer Welt bewegen. Ich habe das Buch nicht von vorne bis hinten gelesen, sondern kapitel- beziehungsweise in diesem Fall "frauenweise". Denn, das gebe ich zu, die Lektüre ist nicht leicht im Sinne der Themen. Keine leichte Unterhaltung mit Herzschmerz und Happy End.

 

Es geht um 24 Frauen, die ich persönlich als Heldinnen bezeichnen würde, auch wenn der Begriff abgedroschen klingt und den Frauen nicht gerecht wird. Frauen wie Monira Rahman, die in Bangladesch die Opfer von Säureattentaten betreut. Oder Rakieta Poyga, die für die Abschaffung von Genitalverstümmelung kämpft. Oder Rosa Logar, die das Thema Gewalt in der Familie in Österreich in die Öffentlichkeit gebracht hat und Monika Hauser, die sich für traumatisierte Frauen in Kriegsgebieten einsetzt. Jeder Lebensgeschichte ist ein Zitat voran gestellt. "Manchmal sehe ich Licht am Ende des Tunnels" ist das bei der Geschichte von Morina. Wie gesagt, kein leichtes Buch.

 

Und doch eins, was Mut macht. So wie Kristina Bullert, die als Lehrerin in einer Ostdeutschen Kleinstadt mit ihren Schützlingen über den Nationalsozialismus spricht. Da gibt es Momente beim Lesen, wo ich persönlich einfach diese Frauen umarmen möchte. Ihnen danken möchte für diesen Mut! Das wäre dann eine Reise um die Welt und gleichzeitig zu den Problemen dieser Welt zwischen Genitalverstümmelung, Kriegstraumata, Menschenhandel, Ungleichheit, Armut und mehr.

 


 

Nighthawks

Stories nach Gemälden von Edward Hopper

herausgegeben von Lawrence Block

 

Leseempfehlung von Béatrice Busjan

 

Wer spannende Kurzgeschichten mag und Lust hat, im Sessel nach Nordamerika zu reisen, der kann zu diesem Buch greifen.

 

Man findet darin mal spannende, mal anrührende, aber immer überraschende short stories 17 amerikanischer AutorInnen, die sich von den oft mysteriösen Gemälden Edward Hoppers inspirieren ließen. Jede Geschichte setzt dort ein, wo das Gemälde als Momentaufnahme zwangsläufig aufhört. Was in der Mimik oder Körpersprache der von Hopper dargestellten Personen angelegt ist und in den gemalten Szenen wie eingefroren, das wecken die AutorInnen zum Leben und erzählen von Liebe und Eifersucht, Trauer und Verrat, Solidarität und Rettung. Dabei spielen kunsthistorische oder historische Überlegungen zu Hopper und seinem Werk überhaupt keine Rolle.

 

Ich habe erst durch diese Kurzgeschichtensammlung entdeckt, wie oft Hopper weibliche Protagonistinnen abgebildet hat, und mochte die Freiheit der AutorInnen, von einem Gemälde Hoppers ausgehend ihre ganz eigenen Welten und Begebenheiten zu erfinden.

 


 

Unerhörte Stimmen

Roman von Elif Shafak

 

Lese-Empfehlung von Sabine Bäcker

 

Elif Shafak gehört zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen und ihr Buch „Unerhörte Stimmen“ gehört zu meinen Lieblingsbüchern 2020. Elif Shafak ist preisgekrönte türkische Autorin und wirft in ihren Büchern immer wieder den Blick auf ihr Heimatland. Sie erzählt berührende Geschichten von Frauen. So auch in ihrem neuen Buch.

 
Wir begleiten Leila und das auf sehr ungewöhnliche Weise. Leila hält Lebensrückblick in den Momenten ihres Sterbens. Sie wurde ermordet, liegt in einem Müllcontainer und nimmt uns mit auf die Reise in ihr turbulentes, oft brüchiges Leben. Leila ist in Ostanatolien geboren und ihr Leben wird durch familiäre Ränkespiele gleich nach der Geburt verrückt. Diese Verrückung ist Ausgangspunkt für den Ausbruch aus dem traditionellen Familienverband. Leila geht als junge Frau nach Istanbul und kann dort nur überleben, weil sie als Prostituierte arbeitet. Sie erinnert sich im Sterben an die Düfte der Speisen ihrer Kindheit, an den Geschmack des mit Kardamom gewürzten Kaffees und an den Gestank in der Straße der Bordelle. Sie erinnert sich an ihre Freundinnen und Freunde, die ihr Halt gaben und denen sie Vertraute war. All ihre Rückblicke durchziehen die Suche nach Geborgenheit, das Aufleuchten flüchtigen Glücks und die Berührung durch eine große Liebe.

 

Für mich ist „Unerhörte Stimmen“ ein sehr poetisches Buch. Es ist ein Plädoyer für Freundschaft und widerständige Würde.

Ich wünsche viel Lesegenuss. Und dieses Buch bietet noch einen ganz anderen Genuss. Beim ersten Umblättern der Seiten, die sich in fliederfarbenem Schnitt präsentieren, lösen die Lesenden selbst Seite für Seite. Es ist fast so, als ob wir der Geschichte von Leila mit dieser bedächtigen Geste Würdigung erweisen.


 

Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

Sachbuch von Caroline Criado-Perez

 

Lese-Empfehlung von Susanne Baars

 

Caroline Criado-Perez hat das wunderbare Buch geschrieben, das wahnsinnig informativ und spannend ist.

 

Sie hat eine Vielzahl an Beispielen aus Politik, Technologie, Arbeitswelt, Stadtplanung, Medizin und Forschung zusammengetragen, die zeigen, wie männliche Daten die Grundlage für viele Entscheidungen sind.

 

Das Buch ist ein Aufruf zum korrekten Datenerfassen, für Perspektivwechsel und macht es durch die Fülle an Beispielen und Querverweisen greif- und nachvollziehbar, warum es sich lohnt, Dinge kritisch zu hinterfragen, um Gleichberechtigung voran zu treiben.